Humboldtstrom

Yma war damals schon ziemlich sauer gewesen. Er hatte sie mit einer beiläufigen Bemerkung gegen sich aufgebracht, obwohl ihm nichts ferner gelegen hatte. Nicht, dass er seinen Kommentar zum Tragekomfort von Alpaca-Pullovern nicht jederzeit wiederholt hätte, aber vielleicht nicht unbedingt in ihrer Anwesenheit. Wer hätte auch annehmen können, dass sie so empfindlich darauf reagieren würde? Es war ja nun nicht so, als hätte er den letzten gegrillte Meerschweinspieß genommen oder den einzigen überlieferten Maya-Kalender von der Tempelwand gekratzt. Das einzige, was gekratzt hatte, war der Alpaca-Pullover, aber sowas sollte man vielleicht nicht unbedacht äußern. Zumindest nicht in Ymas Nähe. Jetzt allerdings sah das Ganze noch düsterer aus. Er hatte keine Ahnung, wie er ihr erklären sollte, dass er das für sie anscheinend wertvolle Stück zweckentfremdet hatte. Lieber würde er noch mal Curare trinken oder auf Mauleseln nach Bogotá reiten. Was sollte er nur sagen? „Die Schnur war ausgegangen und irgendwie musste ich doch das Thermometer ins Wasser lassen und der Pullover war eben da und es war sowieso zu warm und ..“? Ymas stille Anklage würde grausamer sein als eine einsame Kanufahrt auf dem Río Casiquiare. Es war unmöglich. Er konnte es ihr nicht sagen. Also stand er am nächsten Morgen lange vor ihr auf und hinterließ ein dickes Wollknäuel mit einer kurzen Nachricht auf dem Küchentisch: „Bin bei den Aztekenruinen. Warte nicht auf mich! Alex“

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