Tschö Che

Fast jedes Wochenende verbrachten wir Stunden in diesem dunklen, engen Kellerraum. In mühsam hand-zerschlissenen Jeans und Bikerjacken aus schwerem Schweinsleder saßen wir mit unseren grünen, blauen oder roten Dreadlocks zu jeder Jahreszeit auf den beiden ausrangierten Ledersofas, die einst der Stolz im großelterlichen Wohnzimmer gewesen waren. Süßlicher Geruch lag in der Luft und Rauchschwaden vernebelten die Sicht auf unsere gedruckten Helden wie Jim Morrison, The Ramones und Che Guevara. Punkrock dröhnte aus überdimensionalen Boxen, wir tranken Bier und Whiskey und rauchten Kette. Gemeinsam hassten wir hier den Kapitalismus, Bonzen und Spießer, planten unsere Trips zu wilden Open-Air-Festivals und träumten vom Aussteigerleben in Neuseeland oder Indonesien.

An all das musste ich am Tag des Jahrgangstreffens denken, als ich sah, wie die Dorf-Turnhalle meine ehemaligen Kellergenossen zu verschlucken schien: Anwälte, Ärzte, Richter, Architekten und Investmentbanker, elegant gekleidet und ausstaffiert mit einem Maximum an Statussymbolen.
Angewidert machte ich kehrt, stieg wieder in mein SUV, warf meine Chanel-Tasche enttäuscht auf den Beifahrerledersportsitz mit Memory-Funktion und konnte beim Blick in den automatisch abblendenden Rückspiegel nur eins denken: „Heuchler“.

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